Frucht


eine reise nach e.den Annemarie Fleck

Der leichte Fußabdruck im taufeuchten Gras wird bald nicht mehr zu sehen sein. Die biegsamen Halme werden sich im Bewusstsein ihrer Form wieder aufrichten, und der Garten wird so sein wie immer, ohne Hecke, ohne Zaun, ohne Tor. Eine Ahnung wird bleiben, ein feiner, schneckenförmiger Nebel in der Morgensonne.

Das Kind hebt den Kopf nicht. Unbeirrt gräbt es weißen Sand in ein Förmchen und setzt kleine Hügel vor sich hin. Ihre Zahl wächst, aber sie hat keine Bedeutung. Form nach Form entwickelt sich, eine aus der anderen, das Material setzt die Zeichen. Versunken formt das Kind weiter, spielerisch entsteht Zinne um Zinne ein Weg ohne Zeit. Hinter den kleinen weißen Bergen wird irgendwann einmal die rote Frucht auftauchen.

Die Mauer ist sichtbar oder verborgen, je nach Zugang. Sie errichtet und durchbricht sich mit Worten, Gedanken, Gefühlen. Achtsamkeit kann den Garten aufsuchen, Geduld ihn wieder verlassen.
Im Garten beginnt die Geschichte der Menschheit, und nach dem sättigenden Garten sehnen sich die Menschen unaufhörlich. In ihm wohnen die Vielfalt, die Ordnung und das richtige Maß, wohnen die Lebenszeichen: das Atmen, der Herzschlag, die elementare Kraft. Der Garten gilt als der "Umgürtete", Verschlossene. Er hütet die Botschaft, die Poesie, die Gestaltung. Er ist die Anmutung zur Verwandlung.

Das Auge sieht die Felder als herausgeschnittene geometrische Flächen, Bilder, die etwas in sich tragen. Leer scheinen sie und verbergen noch die Kraft der Aussaat, der weißen Körner, die der Erde die Farbe geben und von ihr gehalten werden.
Bis das erste rote Stäbchen hervorbricht, hat das ganze Feld sich im Innersten gewandelt und eine neue Form erlaubt. Die Spitzen wachsen zart aus dem weißen Feld. Sie nehmen Farbe an, verdichten sich zu einem leuchtenden Büschel Gras, einem winzigen roten Gärtlein. Ein Punkt ist mit ihm auf den Kreis gesetzt, der sich zu drehen beginnt, aus sich heraus steigt, sich zur Spirale erhebt und in Schwingung gerät. Viele Ebenen vereinen sich zum Spiralenbündel, zur hellen, erfüllten und erfüllenden Weißzone, zur Todeszone, Lebenszone. Von den Punkten aus gelingt es, auf das Leben zu schauen und zyklisch wieder zurückzukommen.

Kurzes Kraut bedeckt wie ein geschorener Rasen den weißen Muschelkalk der ehemaligen Klippe eines längst ausgetrockneten Meeres. Aber stetig saugt noch der Nachklang der verströmten Ebbe die schnellen Wolken nach Osten, wo sie dicht die Schale des Horizonts schließen.
Jeder Tag eine weiße Seite, jeden Tag einmal sterben und wieder leben. Weiß ist das Gefäß. Es duldet Kokons und Gespinste, Schalen und Hüllen, Farben und Vielfalt. Je größer es ist, desto mehr Früchte, Irrwege, Exoten haben Platz und können ausgehalten werden. Im Weiß kann das Paradies immer wieder betreten werden. Im weißen Raum ist das Nest bereitet. Was sich darin entwickelt, kann Mauern auflösen und Dimensionen verändern, und wäre es nur ein kaum sichtbares Körnchen.

Dicht und hoch umstehen dunkle Gehölze die unerschöpflich fließenden Quellen, an denen viele Völker durstig trinkend ihre Mythen abgeholt haben. Im Geheimnis des alten Hains mündet die innerste Ebene der Spirale, die der Entsprechungen von Innen und Außen, der Erkenntnis des Kleinen im Großen. In der Verbindung von Oben und Unten erfährt sich der Kreislauf.
Die Spirale gehorcht der spielerischen Ordnung und der Leichtigkeit.
Die Arbeiten laufen voraus in den Garten, sind Wegbereiter der Kraft und Dichte: ernsthafte und spielerische Auseinandersetzung mit den immer neuen und immer gleichen Geschichten, den Zinnen, die wie Türme aussehen, wie Schiffe, wie Stäbe, wie Ameiseneier, wie Granatapfelkerne.

Die Hand gleitet den rissigen Stamm entlang, fühlt das leise Wachsen, die jungen Zweige und neuen Blätter, die Genauigkeit in der Erfüllung des Auftrags, gerade dieser Baum zu sein. Von diesem Platz fallen die Weingärten wellenförmig ins Tal, wie Treppen für die Ernte von üppigen Früchten. Verführerisch glänzen Trauben, Brombeeren, Maulbeeren und Himbeeren. Satte Farben brechen hervor, um sich ins Spiel zu bringen. Wer eine Frucht isst, kann loslassen und sich in diesen einen Augenblick verlieren, weil er so vollkommen sinnlich ist. Der Garten versorgt den Menschen mit allem, wonach es ihn verlangt.

Der unbestimmbare Duft ist es vielleicht, der in der Fülle der alten Kulturen liegt und das Fleckchen Erde auf der niedrigen, steinigen Terrasse zusammenhält. Die wenigen Bäume wissen nicht mehr, wann sie das letzte Mal beschnitten, wann sie abgeerntet wurden. Wissen nicht, welche ihrer Früchte noch genießbar sind. Sie stehen reglos und befinden sich doch in steter Bewegung, sind einfach da und wurzeln doch im beglückenden Unfassbaren. Der Duft von Blumen und Früchten mischt sich immer anders. Die krummen Äste und die ausgedörrte Rinde, die wilden Blüten und knallroten Äpfelchen speichern die einladende Verlockung, in der Mittagshitze in ihrem schmalen Schatten zu sitzen und in tiefen Schlaf zu fallen. In der völligen Stille verspricht der Garten das Wachen. Bald ist das festliche Mahl bereit.

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