Peter zeichnet im Bild der Maulwürfe seine eigene Lebenssituation nach. Es ist sein eigenes Gefühl der Ohnmacht und des Ausgelierfertsein in seiner familiären frühkindlichen Situation. Seit seiner Geburt sind ja auch nur Katastrophen über ihn hereingebrochen. Die Mutter hatte soviele Dinge für sich selbst zu bewältigen, um selbst emotional überleben zu können, dass sie Peter in den grundlegenden Bedürfnissen seines Säuglingsalters nicht in der Weise versorgen hatte können, wie er es gebraucht hätte.
Nach dieser ersten Stunde stelle ich für mich einen Satz als Leitmotiv unserer gemeinsamen Arbeit in den Raum, der vielleicht eine zukünftige Möglichkeit der Erfüllung eines allerersten Grundbedürfnisses ansprechen könnte:
"Er redet, um sich über Wasser zu halten, aber eigentlich
möchte er ganz tief runter"
Nach dieser ersten Stunde versuche ich eine grundlegende Annahme von Möglichkeiten für eine Bedürfniserfüllung aufzustellen, die ich seinem Bewegungsdrang und seiner Bewegung entnehmen konnte. Ich versuche, nochmals die Stunde Revue passieren zu lassen, um alle seine möglichen Bedürfnisse zu erfassen, aber auch um deren Verhinderung festzustellen.
Einen ersten Möglichkeitenkatalog notiere ich mir als ersten Gedankenleitfaden für unseren gemeinsamen zukünftigen Weg. Er bietet mir nichts als einen Überblick und eine Orientierung aus meiner Wahrnehmung. Eine erste Möglichkeit, die aber nach jeder Tonfeldstunde neu zu hinterfragen ist. Denn dieser Leitfaden wird durch Peters Arbeiten ständig neu verknüpft und erhält durch sein Zutun erst das wahre Aussehen.
Deutlich ist in Peters Handlungsdialog am Tonfeld sein übergroßes Bedürfnis nach Ruhe und oraler Erstversorgung zu erkennen. Irgendwann wird Peter die Fähigkeit entwickeln, sich selbst diese Ruhe- und Nahrungsquellen in gesicherter Form am Tonfeld aufzubauen. Auf dem Weg dorthin werde ich ihn auch tatsächlich „oral nachsättigen“, ich werde ein kleines Trinkfläschchen mit süßer warmer Flüssigkeit in der Tonfeldstunde bereitstellen und sehen, ob er davon Gebrauch machen wird. Wenn es seinem Bedürfnis entspricht, dann wird er es auch annehmen. Für dieses Vorhaben habe ich bereits eine silberne Radrennfahrerflasche, damit Peter nicht das Gefühl bekommt, er wird wie ein Baby behandelt. Ich selbst trinke während der kommenden Stunden mein Mineralwasser ebenfalls aus solchen Flaschen, somit kann er über das Tun am Tonfeld diese Erstversorgung gemeinsam mit der Leiberfahrung am Arbeiten am Tonfeld verbinden und erfährt dadurch eine zusätzliche Stärkung. Seinem großen Bedürfnis nach grundlegendem Halt kann Peter immer wieder aufs Neue beim Ausräumen des Tonfeldes begegnen. In jeder Sitzung ist dieser mit weichem, formbaren Ton gefüllte Kasten immer wieder verlässlich da, darf jedesmal geöffnet werden, und jedesmal wird der Grund weiter sichtbarer und mit der Zeit auch tragbarer, sodass dieser Grund Peter den nötigen Halt bietet und er, getragen von diesem Grund, in seiner Entwicklung fortschreiten kann. Durch den immerwiederkehrenden Akt des Ausräumens wird daraus allmählich ein ritueller Vorgang, welcher der Nachsättigung und Rückversicherung dient. Allmählich wird Peter Halt im „eigenen“ Grund finden, ist doch das Tonfeld auch sein eigener Grund, in dem er sich zukommen kann, in dem er seine eigenen vitalen Kräfte beleben wird können.
Über dieses Tun werden zugleich alle sensomotorischen Funktionen aktiviert, die Basissinne stimuliert, sodass Peter irgendwann an seine Lebensbewegung, seine Libido angeschlossen sein wird. Vor allem soll Peter viele Möglichkeiten zum Greifen erfahren, sodass der Greifreflex sich zunehmend in einen Greifakt verwandelt, in der Hoffnung, dass damit auch seine sprachlichen Entwicklungsstörungen und der Sprachfehler behoben werden können.
Das Gefühl für Dauer und Konstanz erfährt er durch meine verläßliche Anwesenheit in der Begleitung. Intersubjektiv kann er sich auch über unser gemeinsames Tun gut erfahren und sich auch am Gegenüber, am Du, meiner Begleitung orientieren, was ihm auch zusätzlich Halt vermittelt.
Schritt für Schritt wird Peter immer mehr zu sich selbst kommen, sich selbst spüren lernen, sich wahrnehmen und so allmählich die Fähigkeit entwickeln, in Beziehung zu treten, wohl dem Ziel unserer gemeinsamen Arbeit. Das Tonfeld ist demnach in unserer Arbeit ein Gegenüber, an dem er dieses „in Beziehung Treten“ erproben kann, seine Defizite auf dem Weg dorthin auffüllen kann, neue Schemata entwickelt und aus einem geschützten „Rahmen“, dem Tonfeld als Laborsituation, als soziales Wesen heraustreten können wird.
Im Februar 2005 hatte ich mit Peter 35 Stunden gearbeitet. Peter durchlief innerhalb des gesamten Entwicklungsprozesses auch eine sehr kurze Regressionsphase , wonach er auf die Entwicklungsstufe eines dreimonatigen Säuglings zurückfiel.. Es dauerte fünf Tonfeldsitzungen,, in denen er sein wahres Entwicklungsalter aufbauen konnte. Weitere 1o Stunden und seine Entwicklungsdefizite waren aufgeholt.
Heute ist Peter ein „bärenstarkes“ Kind , das hoffnungsfroh in eine schöne Zukunft blicken darf.