Wurmsignale. Erdbeermund. Latexkuss

Eine einzige Gans hatten sie, die Hüterin des winzigen Häuschens
(VIII. 685)

Wer hütet das Haus? Kündet kein lautes Schnattern die vor der Tür stehenden Götter an? Schließen die Sicherungskästen zu dicht, um die ersten Vorboten möglicher Verwandlungen zu hören? Das Innere ist abgesichert durch sein Anderssein, durch die Abkehr vom Außen, durch die eine eingenommene Position, den mit sich beschäftigten Blick. Das Innen: ein Blutkanal, ein roter Tunnel, eine Nabelschnur. Da ist der Anfang, der Mensch, da ist das Leben. Ausgebreitet der Reichtum aller Möglichkeiten. Aber wird er genügen und bestehen? Könnte er nicht lieber für immer verborgen bleiben, mit den Schlössern des Vorbehalts versehen? Könnte das, was nicht gesehen werden will, auch der Verzauberung entgehen?

Da sind Nüsse, da getrocknete Feigen, vermischt mit runzligen Datteln, Pflaumen, duftende Äpfel in weiten Körben und Trauben von purpurnen Reben
(VIII. 675)

Wort für Wort ein Bild, ein Signum, Element der Sprache, der Kunst. Sehen, hören. Der Mischkrug des Vorhandenen, aus dem so oft ohne Sorge mit gutem Maß geschöpft wurde, füllt sich plötzlich wieder wie von selbst, quillt über, und der Sichtbalken wird durchlässig. Durch die Sehschlitze ein angstvolles Blinzeln, neugieriges Spähen. Es klopft, und die Gans läuft zu den Göttern über, das Innere sendet Zeichen nach außen. Das Außen spricht die Einladung aus, und schon ist es geschehen, dass Innen und Außen gleichzeitig sichtbar werden. Das Innen hat seine Ensprechung. Zwei Positionen, über die eine einzige Gans wacht, oder ein Wurm, der Signale aus dem Kasten gibt: Eindringlinge erbeten.

Verlasst nur euer Haus und begleitet uns hinauf auf die Bergeshöhe
(VIII. 690)

Das Haus, das Bescheiden auf die sichere warme Höhle, verlassen. Den Sicherungskasten aufgeben und zum Schau-Kasten umgestalten. Ein Kasten hat zwei Seiten. Schauen auf zwei verschiedene Weisen. Der Austausch von Gedanken und Gefühlen. Von oben nach unten, von links nach rechts, wie die Ströme im Garten Eden, fließen die Weisen des Mitteilens zusammen. Von innen kommt Achtung vor dem Leben, Achtung auf das Leben, auf die Macht des Erzählens, die Gestalt der Worte, den Ausdruck der Bedeutungen. Von außen der Anstoß, zu erkennen, die Aufforderung zum Wechsel der Position, die Verwandlung.

Während sie staunen, verwandelt sich die alte Hütte, die schon zu eng gewesen war, in einen Tempel
(VIII. 700)

Verwandlung ist die Antwort auf die Frage, und sie könnte auch verweigert werden. Dann versinken die Hütten, die Kästchen, im Unsichtbaren. Bewusst geleert, werden sie neu mit allem gefüllt. Jeder ist von da an Hüter des eigenen Tempels, des eigenen Altars, ist Träger eigener Verantwortung. Gemeinsam werden die Hebel umgelegt, um umzuschalten. Damit das Wasser fließt, die Maschinen in Gang kommen, die Kraft Raum gewinnt. Innen der Sinnenwirbel, das Versinken in tiefem Rot, außen das Bewusstsein, das mitreißt und Grenzen wegschwemmt. Die Verbindung aller geschieht dort, wo sich die Ströme kreuzen, im Mittelpunkt von Eden, in der Kunst. Im Dazwischen, wo sich Philemon und Baucis vereinen können. Da ist der Ort, da sind die Menschen, da ist das Leben: ein Dialog. Vielleicht als erster hat der Schachtelhalm sich aus dem Wasser gestreckt, begierig hinauf zur Regenwolke.

Annemarie Fleck
Zitate: Ovid, Metamorphosen, VIII. Buch, Philemon und Baucis